Jeder hat’s erfunden – BIM in der Schweiz

Die Digitalisierung ist endgültig in der Baubranche angekommen – und damit auch BIM (Building Information Modeling). Nachdem Grossbritannien und Skandinavien in Europa die Vorreiterrolle eingenommen haben, folgen nun weitere Länder mit einem eigenen BIM Mandat. Erklärtes Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Bauindustrie zu sichern – weltweit. Wir haben Birgitta Schock, Architektin und Spezialistin für BIM und Lean Solutions sowie Vorstandsmitglied von Bauen digital Schweiz| buildingSMART Switzerland und sia dazu befragt. Im ersten Teil des Interviews berichtet sie in diesem Kontext zum Stand der digitalen Entwicklung in der Schweizer Baubranche.

Eine aktuelle Studie hat den Status-quo des Umstellungsprozesses in deutschen Ingenieurbüros und Tiefbauunternehmen untersucht. Ein Ergebnis war, dass die Potenziale von BIM von den bisherigen Nutzern noch nicht voll ausgeschöpft werden und vielerorts weiterhin Überzeugungsbedarf besteht. Zeichnet sich in der Schweiz ein ähnliches Bild?

Birgitta Schock: Tatsächlich zeichnet sich in der Schweiz ein ganz ähnliches Bild ab. BIM nimmt überall dort an Fahrt auf, wo die Beteiligten offen, neugierig und mutig genug sind, sich auf digitales Neuland einzulassen und mit Weitsicht die Zukunft der Baubranche mitgestalten wollen. Diese Entwicklung wird natürlich bestärkt durch Unternehmen wie SBB, die ab jetzt bei Hochbauprojekten mit einem Volumen ab 5 Millionen CHF die Projektplanung mit BIM obligatorisch vorschreiben. Das andere Lager sind diejenigen, die noch in der Phase verharren, die Gegenwart um jeden Preis zu bewahren.

Woran kann das liegen?

Die Gründe für dieses abwartende, manchmal auch abwehrende Verhalten gegenüber BIM und anderen Entwicklungen sind in der Schweiz ganz unterschiedlich. Kulturell bedingt wird bei uns noch sehr fragmentiert geplant, gebaut und auch betrieben. Auch die vielfältigen und unterschiedlichen Herangehensweisen an Bauprojekte in den einzelnen Kantonen spielen eine Rolle: Es gibt 26 Kantone, vier Sprachen und 2202 Gemeinden. Und ”jeder hat’s erfunden” wie man so schön sagt. Neben diesen verschiedenen Ansichten und Meinungen gibt es allgemein verbreitet viele Intransparenzen in den jeweiligen Geschäfts- und Beschaffungsmodellen. Man lässt sich traditionell nur ungern in die Karten schauen. All diese Hürden gilt es erst einmal zu bewältigen, um einen gemeinsamen und offenen Konsens zu finden.

Aus Ihrer eigenen Erfahrung mit BIM – Was sind für Sie die entscheidenden Erfolgsfaktoren für eine gelungene Projektumsetzung?

So banal das klingt: Der ”Mensch” hinter dem Planer, Designer oder Architekten muss verstehen, warum BIM ihm hilft und seine Arbeit mittel- und langfristig erleichtert. Interessanterweise tun wir uns alle im privaten Umfeld schon längst nicht mehr so schwer damit. Smartphone, Alexa, Siri und Co. erleichtern uns bereits so viele Dinge, dass wir unseren Lebensalltag fast schon unterbewusst immer digitaler gestalten. Im beruflichen Kontext fehlt ein solcher ”digitaler Mindset” dann aber plötzlich und man bleibt lieber in den bekannten Komfortzonen stecken. Es gibt zwar bereits viele Hilfestellungen, die die Lust auf Digitales Planen, Bauen und Betreiben wecken und die Implementierung von BIM in der eigenen Organisation vereinfachen sollen. Doch sind diese Angebote selbst sehr fragmentiert, nicht optimal aufeinander abgestimmt und teilweise sehr technisch fokussiert. Erfolgsversprechender sind aus meiner Sicht lösungsorientierte Foren, in denen die Teilnehmer die Herausforderungen mit BIM klar benennen und sich dann teilweise sogar mit anderen Wettbewerbern zusammenschliessen, um gemeinsam für alle Beteiligten die beste digitale Projektlösung zu finden.

Lesen Sie im zweiten Teil unseres Interviews mit Birgitta Schock, welche aktuellen und zukünftigen Auswirkungen die Digitalisierung des Bauwesens in der Schweiz auf die Zusammenarbeit der jeweiligen Projektpartner untereinander und mit der Zuliefererindustrie hat.