Jeder hat's erfunden - BIM in der Schweiz (Teil 2)

BIM als Prozess für den gesamten Zyklus eines Bauprojekts ist im Rahmen der Digitalisierungswende in der Baubranche nicht mehr aufzuhalten. Treibende Kraft sind in steigendem Masse öffentliche und oder staatliche Organisationen, die ab sofort Aufträge nur noch an Unternehmen vergeben, die zumindest in der Planungsphase schon mit BIM arbeiten. Das gilt sowohl für den Infrastrukturbau als auch den infrastrukturbezogenen Hochbau.

Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt Birgitta Schock, Architektin und Spezialistin für BIM und Lean Solutions sowie Vorstandsmitglied von Bauen digital Schweiz| buildingSMART Switzerland und sia, welche aktuellen und zukünftigen Auswirkungen BIM auf die Zusammenarbeit der jeweiligen Projektpartner untereinander und mit der Zuliefererindustrie hat.

Wie verändert sich die Zusammenarbeit der einzelnen Gewerke in einem Projekt, das mit BIM geplant und umgesetzt wird?

Birgitta Schock: Zunächst einmal ist es sehr wichtig, dass sich in einem BIM gesteuerten Bauprojekt alle Beteiligten absolut und zuverlässig aufeinander verlassen können. Um das zu gewährleisten, haben sich in den letzten Jahren so genannte BIM-Rollen entwickelt. Da gibt es beispielsweise BIM-Manager, -Koordinatoren oder -Konstrukteure. Diese Rollen dienen im Prinzip zur aktuellen Differenzierung zwischen der traditionellen Projektplanung und der digitalen Planung. Eine derartige Gewaltentrennung ist aktuell zwar richtig, sie sollte aber nur eine Übergangslösung sein, bis BIM selbstverständlich geworden ist und jedes Unternehmen damit professionell und routiniert umgehen kann.

Welche Rolle spielen die Einzelsegmente bei BIM, etwa die Planung von Türsystemen und -technik, in welcher Weise werden Hersteller involviert? 

 Viele Planer und Architekten sind in dieser Fragestellung bis dato noch sehr traditionell unterwegs. Um bei dem Beispiel Tür zu bleiben: Eine Tür wird zwar eingeplant, zweitrangig ist dann aber welches Schliesssystem, welche Zylinder und Beschläge verwendet werden sollen. Diese Denkweise ändert sich gerade gewaltig. Schliesslich profitieren alle Seiten von den Fortschritten der industriellen Fertigung von vorkonfektionierten Herstellersystemen im Baukastenprinzip, so wie sie auch die ASSA ABLOY (Schweiz) AG mit ihren Schliesssystemlösungen anbieten kann. Ein weiterer Stolperstein in diesem Zusammenhang ist die ”Normenkollision”. Viele Normen und Bauvorschriften behindern, dass verschiedene Gewerke systemisch miteinander verquickt werden. Besser wäre es, eine synergetische Entwicklung zu erlauben und dabei Weitsicht walten zu lassen.

Eine provokante These „Wer nicht bimt, scheidet aus“ – Wie sehen Sie das? Wie wird sich die Digitalisierung in der Baubranche weiter entwickeln?

Ich glaube, dass sich parallele Modelle gleichberechtigt etablieren werden. BIM ist wichtig, wird in einiger Zeit aber auch ganz alltäglich sein. Der Markt ist gross genug für viele Spielarten des Bauens in zahlreichen Facetten. BIM bedeutet in Zukunft, dass wir nach einem Bauprojekt sehr transparent einsehen können, welche Ressourcen in welcher Menge gebraucht wurden und welche Lehren und Optimierungspotenziale wir daraus ziehen können. Persönlich viel interessanter finde ich die Frage, was in einer postdigitalen Zeit passiert, also wenn Digital das neue Normal ist. In Anbetracht der globalen Herausforderungen wie Überbevölkerung und Versorgungssicherung bin ich davon überzeugt, dass sich die Bauplanung spätestens dann mit anderen Industrien und Branchen interdisziplinär verknüpfen muss, um die Lösungsansätze für eine Welt von übermorgen zu entwickeln und umzusetzen.

Im ersten Teil unseres Interviews hat uns Birgitta Schock berichtet, wie der aktuelle Stand der digitalen Entwicklung der Baubranche in der Schweiz ist und welche Herausforderungen es für die Implementierung von BIM noch zu meistern gilt. Hier geht’s zum ersten Teil: https://www.assaabloyopeningsolutions.ch/de/blog/aktueller-stand-bim-in-der-schweiz/