Schliess- und Schlosstechnik im Zeichen aktueller Digitalisierungstrends

Viele Hersteller von Sicherheitstechnik und speziell im Bereich von Schliesssystem- und Schlosslösungen sehen sich heute mit einem Paradigmenwechsel konfrontiert. Während bisherige Meilensteine in der Entwicklung besonders auf die Hardware abzielten (z. B. sichere und modulare Systemkomponenten oder Schlossmechaniken für Türen), müssen heute wesentlich komplexere Anforderungen berücksichtigt werden. Konvergenz, also die optimale Abgestimmtheit verschiedener Sicherheitssysteme in einem kompletten Gebäude, ist in diesem Zusammenhang ein grosses Thema, das die Branche umtreibt.

Dahinter stecken aus Sicht von Experte Detlef Sprenger, Head of R&D für die Marke KESO bei der ASSA ABLOY (Schweiz) AG, drei der für ihn aktuell wichtigsten Digitalisierungstrends: Der wachsende Bedarf an Standardisierungskonzepten, die rasante Entwicklung des IOT (Internet of Things) und das zunehmende, mittlerweile omnipräsente Cloud Computing und die damit verbundene Frage zum Schutz sensibler Daten. „Hat man früher oft aus der reinen ‚Produktdenke‘ heraus agiert, muss man heute viel systematischer ansetzen und über den berühmten Tellerrand hinaus schauen“, erklärt Sprenger. Kunden hätten am liebsten ein einziges und sehr flexibles Gebäudesystem, mit dem sie gleichzeitig Zutrittskontrollen, Aufzüge, Klimaanlagen, Cash-Management, CO2-Monitoring sowie Brandmelde- und Rettungswegtechnik und noch vieles mehr über dieselbe Managementsoftware steuern können.

Standardisierungskonzepte gefragt

Stichwort: Konvergenz. Obwohl der Ruf danach in den letzten Jahren immer lauter wird, gibt es bisher noch zu wenig standardisierte Lösungen. Die gute Nachricht ist, dass praktisch alle Big Player im Markt zusammen mit Forschung und Entwicklung intensiv auf der Suche nach solchen einheitlichen Integrationsstandards sind, die sich global etablieren lassen. „Hersteller haben sich bereits darauf eingestellt und bieten ihren Kunden im Bereich der eingesetzten RFID Technologie schon jetzt durchgängig standardisierte und somit zukunftssichere Systemlösungen an. Die Nachfrage zu ISO basierenden und sicheren RFID Technologien nimmt im physikalischen Zutrittsbereich stetig zu und wird dazu führen, dass angebotene Systeme in diesem Bereich zwangsläufig dem neusten Stand der Technik entsprechen müssen. Eine weitere Herausforderung ist, Zutrittssysteme mit Standard-Kommunikationstechnologien auszustatten, die auch mit iOS®- und Android™-Betriebssystemen funktionieren. Nur so kann eine wirkliche Konvergenz erreicht werden, bei der auch dynamische Mobillösungen über das Zutrittssystem abbildbar sind, so Sprenger weiter.

Siegeszug des IoT

An die Tatsache, dass unsere Kaffeemaschine mit uns spricht, der Kühlschrank an den nächsten Einkauf erinnert oder die Waschmaschine uns per Push-Nachricht ermahnt, zukünftig bitte das Waschpulver richtig zu dosieren, haben wir uns fast schon gewöhnt. Im Zuge der intelligenten Automatisierung und virtuellen Vernetzung von Gegenständen entwickeln sich darüber hinaus besonders im industriellen Bereich Smart Services und digitales Gebäudemanagement rasant weiter. Detlef Sprenger kennt die damit verbundenen Herausforderungen: „Das hört sich so einfach an, ist es aber nicht. Damit sich ein Internet der Dinge (IoT) in der Infrastruktur von Gebäuden herausbilden kann, braucht es auch hier allgemein akzeptierte, standardisierte Schnittstellen.

Durch den neuen Mobilfunkstandard 5G wird die Vernnetzung von vielen Applikationen vereinfacht werden. Den mit der neuen Technologie werden enorme Datenraten bereitgestellt. Entscheidend ist dabei auch die bei 5G bereitgestellte leistungsfähige Bandbreite. Somit können in Zukunft wesentlich mehr Endgeräte an einen Knotenpunkt vernetzt werden.

Um möglichst viele Anwendungen in einem Netzwerk einschliessen zu können, werden nicht alle Geräte bestromt und verkabelt angebunden sein. Es sind batteriegetriebene und per Funk vernetzte Lösungen notwendig, was die Sache insgesamt erschwert und zusätzlich mit einer begrenzten Lebensleistung der besagten Gegenstände einher geht.“ Die Entwicklungsarbeit konzentriert sich daher zunehmend auf die Erhöhung dieser Lebensleistung. Solche Lösungen mit optimierten Energiebudgets werden derzeit intensiv erprobt. Die Dinge im Internet werden nicht dauernd auf Sendung sein und bei einigen Applikationen per Aufweckmodus betrieben oder mit Energy Harvesting Konzepten ausgestattet sein. Ob sich ergänzend zu 5G auch low-power-wide-area Netzwerke (LPWAN) – eine WAN-Technologie, die für batteriebetriebene Geräte optimiert ist –  duchsezten werden, wird sich zeigen.

Client Server oder Cloud Computing?

Hinzu kommt, dass die vernetzte Kommunikation eine unglaublich hohe Datenmenge erzeugt, die sinnvoll gebündelt und verwaltet werden muss – undenkbar ohne die heutigen Möglichkeiten des Cloud-Computing. Das Problem: Wer garantiert die Sicherheit der Daten? Die Vertrauensfrage ist entsprechend gross. Viele Unternehmen befürchten Datenverlust oder -missbrauch, wenn sie kommerzielle und öffentlich zugängliche Cloud-Systeme verwenden. „Wir setzen deshalb mit KESO, für die Zukunft ergänzend zu Cloud-Lösungen, bewusst auf so genannte Client-Server- Annwendungen, bei denen die Datenhoheit und Verwaltung beim Kunden verbleibt“, berichtet Sprenger und ist gespannt wohin die Reise weiter geht.